Lissabon 13.2.14.15 – Museen, Sturm & Wasser

Sturm. Der den Atem raubt und das Telefon fast aus den Händen weht beim Fotografieren. Den gab es an Tag 13 und 14 in Lissabon. An solchen Tagen bin ich besonders gerne am Wasser.

Den Möwen werden die Muscheln aus der Bahn gepustet, die sie geduldig wieder und wieder fallenlassen, um endlich an das Fleisch im Inneren zu kommen. Ganz leicht trägt der Wind die riesigen Vögel hoch, sie müssen nur die Flügel ausbreiten. Zwischendurch flitzt ein Schwarm zierlicher Schwarzkopfmöwen vorbei. Die Tauben haben es etwas schwerer. Mit ihren stummeligen Flügeln kämpfen sie darum, die Balance zu halten. Dann scheucht sie auch noch ein Hund von ihrem Futterplatz an der Wasserkante hoch. Heute hat ein Kormoran Platz auf einer der Säulen am Praça do Comércio genommen.

Gestern konnten die Segelschulen wieder aufs Wasser. Optimisten und andere kleine Jollen kreuzen Richtung Brücke und zurück in die Marina, die kurz vor dem Entdeckerdenkmal liegt.

 

Ein letzter langer Spaziergang am Tejo entlang. Den Vormittag habe ich im Mosteiro dos Jerónimos und dem Museu de Marinha verbracht. Am MAAT, dem neuen Bau neben dem Museu da Electricidade sind weitere der weißen Kacheln heruntergefallen. Auch die Stufen wurden bei dem starken Regen letzte Woche beschädigt. Zum Abschluss des Museumstages besuche ich das Kloster von São Vicente de Fora. Der Bau, auf den ich in diesem Moment aus dem Zimmerfenster blicke. Und das ist der Blick auf mein Fenster vom Dach aus.

Lissabon Unterkunft
Im Stockwerk unter den beiden Gaubenfenstern ganz rechts – mein Wohnzimmer

 

 

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Lissabon 9 – Calouste Gulbenkian

Die Möwen haben einen ganz besonders schönen Platz gefunden, um sich das Salzwasser aus dem Gefieder zu waschen. Hoch über der Stadt, nördlich vom Parque Eduardo VII de Inglaterra, plantschen sie vor einem Café in einem Teich mit Springbrunnen. Ab und zu steigen sie auf und schütteln sich im Flug wie nasse Hunde. Im flachen Wasser an der Seite flitzen zwei Bachstelzen hin und her.

Möwen baden im Süßwasser Lissabon
Möwen im Süßwasserpool

Gerade habe ich viele Stunden in der Stiftung Calouste Gulbenkian verbracht. Ein Mann, der im Ölgeschäft ein Vermögen machte. In der Türkei als Armenier geboren, nahm er später die britische Staatsbürgerschaft an. Sein Wohnsitz war allerdings Paris, das er während des Krieges in Richtung Lissabon verließ. Die schon zu dem Zeitpunkt riesige Kunstsammlung gelangte ebenfalls dorthin. Er starb 1955 und verfügte in seinem Testament die Gründung der Stiftung. Das Museumsgebäude wurde von portugiesischen Architekten den Ausstellungsstücken angepasst gestaltet. Ungewöhnlich für Portugal, wo Museen häufig in bereits bestehende Bauten einziehen. Glücklicherweise konnte ich an der wöchentlichen Führung durch die Stiftung teilnehmen. Absolut zu empfehlen, da die Erläuterungen auf den Tafeln minimal sind. Zwar ist die Ausstellung geographisch und chronologisch gegliedert, aber bei über 6000 Exponaten sind Hinweise auf „Highlights“ hilfreich. Leider werden die Räume mit den Impressionisten und Skulpturen von Rodin gerade renoviert.

Durch den Park – für den es einen eigenen Naturführer gibt, wie ich später im Museumsshop entdecke – geht es weiter in das zur Stiftung gehörende Museum für Moderne Kunst. Auch dort wird eine große Fläche gerade umgestaltet. Im Rest des Gebäudes gibt es eine sehr informative Ausstellung in zwei Teilen. Zunächst zur Geschichte des Landes seit Beginn des 20. Jahrhunderts, illustriert mit vielen Fotos, Büchern, Zeitschriften, Karikaturen, Audio und Video. In einem weiteren Stockwerk, ebenfalls chronologisch geordnet und mit großformatigen Informationstafeln versehen, sind Malereien aus den 30er Jahren bis heute zu sehen.

Besonders interessant ist es, die Ausstellung mit einem südafrikanischen Philosophieprofessor, der auch an der Führung teilgenommen hatte, zu durchlaufen. Kunstbetrachtung aus ganz neuer Perspektive. Interessant auch die äußerst kritischen Bemerkungen zur Person Gulbenkian von dem Mann, der unsere Tickets am Eingang kontrolliert. Zeit, sich mehr anzulesen. Und vielleicht auch mal wieder einen Dürrenmatt, der auch Gulbenkian als Teil des Namens der alten Dame in Besuch der alten Dame verwendet.

Schon mal von der Band GNR aus Portugal gehört? Vor dem Besuch der Ausstellung heute kannte ich sie nicht. GNR steht für Grupo Novo Rock und ist eine Anspielung an die Abkürzung für Guarda Nacional Republicana, die portugiesische Sicherheitspolizei. Mehr zum Song, Thema EU-Beitritt Portugals, und der Band auf Wikipedia & auf Englisch in den Library Resources of the General Secretariat of the Council of the European Union.

Lissabon Tag 6 – Randnotizen

Bin platt, angenehm platt, von vielen Eindrücken, noch mehr frischer Luft, steilen Auf- und Abstiegen. Glücklicherweise schlafe ich sehr gut in dem gemütlichen Bett meiner Unterkunft.

Heute bin ich das erste Mal seit Tagen in keines der öffentlichen Verkehrsmittel gestiegen. Allerdings zog ich in den Sneakers los, die sich langsam auflösen. Nach einem leichten Regenschauer sind sie komplett durchweicht. Tut mir leid, Ethletic, gutes Konzept, Firmensitz in meiner Geburtsstadt Lübeck, aber die Qualität der Schuhe ist mies. Ich kann sie nicht weiterempfehlen. Beim ersten Paar brach die Sohle nach kurzer Zeit. Ich erhielt zwar schnell ein Ersatzpaar, doch bei dem lösten sich nach nur wenigen Tagen die Verklebungen. Auf die erneute Reklamation erhielt ich keine Antwort. An meinen Füßen prangen jetzt brandneue schwarze Gazellen.

In einem Café für einen Espresso und ein Gebäckstück eingekehrt. Bin so dankbar für die Geduld und Freundlichkeit, mit der meine Bestellungen in einem Sprachgemisch aus Portugiesisch, Italienisch und Englisch entgegen genommen werden.

Kein Tag ohne einen Blick aufs Wasser. Heute drückt der Wind die Wellen mit viel Kraft ans Ufer. Sie werden durch Gitter als kleine Fontänen bis auf die Fahrbahn der Straße hochgedrückt. Die Möwen sitzen trotzdem entspannt auf ihrem Stammplatz auf den Säulen im Tejo.

Das Museu do Aljube Resistencia e Liberdade, in dem ich heute war, wirkt lange nach. Viel zu wenig wusste ich bisher über die neuere Geschichte Portugals. Das Museumsgebäude diente als bischöflicher Kerker und war bis in die Zeiten der Diktatur hinein Gefängnis für politische Gefangene. Die Ausstellung zum Thema Widerstand in den Jahren 1926-33 während der Militärdiktatur und weiter von 1933-74 unter Salazar ist bedrückend und macht manche Parallelen zur deutschen Geschichte sichtbar, die Berichte von Zeitzeugen über ihre Arbeit im Widerstand, die Mittel zur Herstellung von Flugblättern, die Abhör- und Kontrollmechanismen des Staates. Im Abschnitt zum Kolonialismus sind leider viele Infotafeln nicht ins Englische übersetzt.

Deshalb – lesen und noch mehr erfahren möchte ich. Auch über die vielen Menschen, die auf der Flucht während der Nazizeit in Lissabon gelandet sind. Unter ihnen übrigens Frauen, die dadurch Aufsehen erregten, dass sie sich alleine in die Cafés und Gasthäuser der Stadt setzten.

Tag 5 – Museu da Electricidade

Im ehemaligen Kohlekraftwerk am Tejo ist schon seit 1990 das Elektrizitätsmuseum von Lissabon eingerichtet. 2006 wurde das Gebäude renoviert und die Ausstellung neu konzipiert. Seit letztem Jahr erhebt sich wie eine Welle das weißgekachelte MAAT -Museu Arte Arquitetura Tecnologia – daneben. Das Elektrizitätsmuseum ist nun ins MAAT integriert.

Die Website des MAAT ist grandios gestaltet. Was allerdings verwirrt: Das Museum hat noch gar nicht wirklich eröffnet. Dazu später mehr.

Mit meinem Ticket für 5€ betrete ich hinter einem Pärchen den Eingangsbereich des Museu da Electricidade. Die beiden drehen sich einmal im Kreis und sagen: „Aber, wir wollten doch in das weiße Museum.“ Der Eingang dazu sei ein Stück weiter am Fluss entlang und außerdem sei es momentan noch kostenlos. Also fordern sie ihr Geld zurück und stapfen weiter. Was sie nicht wissen: Das Elektrizitätsmuseum dient auch als Ausstellungsraum, Veranstaltungen finden hier statt, im oberen Stockwerk wird gerade eine Bühne mit Filmleinwand aufgebaut. Und die Ausstellung über die Geschichte des Kraftwerks ist fantastisch.

Ich bin zunächst völlig allein im Raum mit Bildern des Künstlers Eduardo Batarda: Misquoteros – A Selection of T-shirt Fronts. Bei T-Shirt-Fronts denke ich in an die unglaubliche Shirt- und Trikotsammlung eines Freundes. Den Bezug in der Ausstellung erkenne ich zunächst nicht. In durchnummerierter Folge setzt Batardo auf unterschiedlich farbigen, ähnlich gestalteten, an Rorschachtests erinnernden Hintergründen seine Sätze, Gedanken, Aussprüche, die sich laut Ausstellungsinfo auf seine Arbeit als Künstler beziehen. Sie lesen sich wie Lyrik, Schlagzeilen, Tagebuchzeilen. Durchaus denkbar als T-Shirt Fronts. Ob er mit Twitter vertraut ist?

Weiter in die Räume, die von der Geschichte des Gebäudes und Nutzung als Kohlekraftwerk berichten. Besonders eindrucksvoll ist der Kesselraum, dort werden die riesigen Rohre zum Zuschütten der Kohle noch bewegt. Zum Quietschen und Rütteln der Maschinen kommen Einspielungen von Rufen der Arbeiter. Einer der Kessel kann betreten werden. Die Funktion der Rohre, in diesem Fall die Zufuhr des Wassers, wird farbig sichtbar gemacht. Viele Fotos und Infotafeln illustrieren die harten bis unerträglichen Arbeitsbedingungen. Das Werk lief von 1909 bis 1951 im vollen Betrieb, bis 1972 nur noch als Ersatzstromzentrale.

Ergänzt wird die Ausstellung durch einen Experimentierbereich, zugeschnitten auf Kinder und Jugendliche, und Informationen über moderne Energiegewinnung. Wer noch tiefer in das Thema einsteigen möchte: Das Museum verfügt über ein großes Archiv an Fachliteratur zum Thema Energie. Es gibt einen Lesesaal vor Ort oder den Zugang per Internet.

Im strömenden Regen laufe ich weiter zum Eingang des MAAT, der sich unter dem tiefgeschwungenen Dach des Museums am Tejo befindet. Wasser strömt an den Außenwänden herunter, so dass viele kleine Wasserfälle durchschritten werden müssen. Ich freue mich auf einen Kaffee. Drinnen verspüre ich leichte Enttäuschung. Es gibt keinen Kaffee und als Ausstellungsfläche dient bisher nur das große Oval im Untergeschoss des Museums. Dort liegen locker vertreut Decken und Sitzbälle, überspannt sind sie von einem Netz. Ein paar Menschengrüppchen liegen, laufen und sitzen herum. Die Szene hat die Atmosphäre einer sehr kühlen und hippen Kita. Der Eingang zum Oval wird von Sicherheitskräften des Museums bewacht. Ich lese mich in die Info zur Ausstellung ein: Sie sind Teil Installation der französischen Künstlerin Dominique Gonzalez-Foerster. Die Idee hinter Pynchon Park ist, einen Raum zu schaffen, wie Aliens ihn zur Beobachtung der Menschen nutzen könnten. In einem Zirkel von 24min statt 24h wechselt die Beleuchtung zwischen Tageslicht und Dunkel.

Neben der Bushaltestelle gibt es ein Café. Der Bus kommt lange Zeit nicht, obwohl die Anzeigetafel ihn kontinuierlich in 5 Minuten ankündigt. Ich kaufe mir noch ein Gebäckstück, die Auswahl ist groß.

Heute bleibe ich in meinem Kiez Alfama. Die Sonne arbeitet sich gerade durch die Regenwolken. Vorhin schlugen die Tropfen hart ans Küchenfenster, gleichzeitig blickte ich vom Wohnzimmer aus auf blauen Himmel.

Tag 4 – Ausflug nach Cascais

Heute habe ich viel über den öffentlichen Nahverkehr in Lissabon nachgedacht. Und über Sonnenbrillen. Denn meine vor Jahren in Rom gekaufte, die habe ich heute auf dem Boden des Bahnhofs Santa Apolónia zerlegt.

Zugabteil für Fahrräder & Surfbretter Lissabon
Zugabteil für Fahrräder & Surfbretter am Bahnhof von Cascais

Nach dem Tag am Atlantik bin ich müde und hungrig. Deshalb gibt es heute mehr Fotos als Text. Und wer mir in einem Kommentar schreibt, in welchem Museum ich heute war – das ist das rote Gebäude – der bekommt eine Postkarte. Mit einem Motiv der Künstlerin, die in dem Museum ausgestellt ist.

War eben Dorade in der Lieblingstaverne essen und die Fotos laden noch immer im Schneckentempo in die Dropbox.

Deshalb noch ein Tipp, der unbedingt beherzigt werden sollte: Wenn in der recht leeren Taverna der Fernseher läuft und du denkst: „Interessiert mich nicht, das Programm, ich setze mich einfach an den Tisch drunter.“ Alle anderen interessiert es brennend und du wirst während der gesamten Mahlzeit angestarrt. Auch wenn tatsächlich knapp über deinen Scheitel hinweg gestarrt wird – es bleibt unangenehm. Die Dorade war sehr gut. Das Bier auch. Ein großes Bier wird hier übrigens im 0,3l-Glas serviert.

Blick vom Praia da Ribeira in Cascais
Blick vom Praia da Ribeira in Cascais
2017-01-25-13-29-58-1
Eindrucksvoller Bau & Ausstellung
Blick auf den Atlantik Cascais
Blick auf den Atlantik
Boca do Inferno Cascais
Boca do Inferno
Angler an der Steilküste Cascais
Angler an der Steilküste
Küste bei Cascais
Küste bei Cascais